Ihr Vater sägte ein Loch in die Decke. Wegen der Wärme. Vera sah darin etwas anderes: einen perfekten Ort zum Lauschen. Aber das läuft dann doch etwas anders.
Mein Vater war der Erfinder cleverer Lösungen, der Gyro Gearloose im Hause Oor. Der Kohleofen im Wohnzimmer war die einzige Wärmequelle im Haus.
„Hey“, dachte er, „Wärme steigt nach oben. Wenn ich eine Öffnung in die Decke über dem Kohleofen mache, kann das Elternschlafzimmer darüber davon profitieren und sich ein wenig erwärmen.“
Er sägte ein Stück aus der Holzdecke heraus und brachte dort ein Lüftungsgitter an. Dieses Gitter bot einem neugierigen Kind eine hervorragende Gelegenheit zum Lauschen.
Die spannende Zeit des Schulzeugnisses und des Elternabends rückte näher, und ich war überzeugt, dass meine Eltern abends darüber sprechen mussten. Für mich gab es jedenfalls nichts anderes.
Ich schlich mich aus dem Bett und auf Zehenspitzen ins Elternschlafzimmer. Ich wusste genau, welche Dielen ich meiden musste, weil sie knarrten und meine Anwesenheit verraten würden.
Leise setzte ich mich neben das Gitter und beugte mich leicht vor, bereit, jedes Wort aufzufangen. Ich hörte die tiefe Bassstimme meines Vaters und den klaren Sopran meiner Mutter.
Aber was sie sagten, waren für mich nur Bruchstücke. Mein eigenes pochendes Herz übertönte alles. Hatte ich gerade meinen Namen gehört? Ich hielt den Atem an. Aber aus ein paar einzelnen Wörtern ohne vollständige Sätze ließ sich nichts erschließen.
Letztendlich war ich keinen Deut schlauer, aber dafür eiskalt geworden, nur in meinem Pyjama und barfuß. Die aufsteigende Wärme des Kohleofens war minimal.
Ich ging die Treppe hinunter und ins Wohnzimmer.
„Kannst du nicht schlafen?“
Ich schüttelte den Kopf und versuchte, mein Klappern vor Kälte und Anspannung zu verbergen. „Kind, bist du aber kalt!“
Ich hatte zwar nichts gehört, doch während ich mich in die Ecke des Sofas kuschelte, bekam ich eine Tasse heißen Tee und eine Decke umgelegt.
Vera Oor, Nimwegen
