Mein Mann glaubt, ich gehe jeden Mittwoch zum Sport. Seit drei Monaten sitze ich nun schon allein im Auto vor dem Einkaufszentrum

Ich habe zu Hause gesagt, dass ich ins Fitnessstudio gehen werde. Statt auf dem Laufband lande ich aber regelmäßig auf dem Parkplatz und im Café, wo ich endlich einen Moment Ruhe habe.

Von außen sieht es zu Hause wirklich ganz gewöhnlich aus. Morgens der Wecker, Arbeit, nachmittags Einkaufen, abends Abendessen, Wäsche, Hausaufgaben kontrollieren, hier und da ein kurzes Telefonat mit jemandem aus der Familie und am nächsten Tag wieder dasselbe. Bevor ich Kinder hatte, habe ich mir das Erwachsenenleben etwas anders vorgestellt. Damit meine ich nicht, dass ich mir ein sorgenfreies Leben erhofft hätte, aber ich habe mir wohl nie eingestanden, wie sehr man manchmal im ständigen Trubel um andere herum verschwindet.

Mein Mann ist kein schlechter Kerl, das muss ich gleich zu Beginn sagen. Er hilft, wenn ich ihn um etwas bitte, geht am Wochenende mit den Kindern raus, und wenn etwas repariert werden muss, erledigt er es. Aber gleichzeitig gehört er zu den Menschen, die sich sehr schnell daran gewöhnen, dass bestimmte Dinge einfach von selbst laufen. Das Abendessen steht auf dem Tisch, saubere Kleidung liegt im Schrank, der Kühlschrank ist nicht leer, die Kinder haben ihre Schulunterlagen unterschrieben, und alles rund um den Haushalt läuft irgendwie ganz selbstverständlich.

Und ich habe lange genauso funktioniert. Ohne groß nachzudenken. Einfach, weil es nötig ist. Doch irgendwann im letzten Jahr begann ich eine seltsame Müdigkeit zu spüren, die weniger körperlicher Natur war als vielmehr im Kopf. Es ging nicht um Erschöpfung nach der Arbeit, sondern eher um das Gefühl, dass von morgens bis abends jemand etwas von mir wollte. Bei der Arbeit die Kollegen, zu Hause die Kinder, mein Mann, das Telefon, Nachrichten, alltägliche Kleinigkeiten, die für sich genommen nicht groß sind, aber in ihrer Summe einen Menschen völlig ausfüllen.

Das Schlimmste war, dass ich eigentlich gar nicht erklären konnte, was mir fehlte. Ich wollte keinen Urlaub, ich wollte kein Wellness-Wochenende und auch keine großen Veränderungen. Nur einen Moment, in dem niemand etwas von mir will.

Eines Abends, ganz beiläufig, sagte ich zu Hause, dass ich vielleicht ab Mittwoch mit Sport anfangen könnte. Ich hatte mir das gar nicht richtig überlegt, es war eher so ein spontaner Einfall. Mein Mann hob den Blick vom Fernseher und stimmte überraschend schnell zu.

„Das ist gut. Dann hast du wenigstens etwas für dich“, sagte er ganz selbstverständlich.

Vielleicht war es gerade diese Leichtigkeit, mit der er es akzeptierte, die mich ein wenig überraschte. Keine weiteren Fragen, keine Überlegungen, wie wir das organisatorisch hinbekommen. Er ging einfach automatisch davon aus, dass der Mittwoch von nun an meine Zeit sein würde.

Am ersten Mittwoch fuhr ich tatsächlich los. Das Fitnessstudio befand sich in einem Einkaufszentrum, etwa fünfzehn Minuten von zu Hause entfernt. Ich hatte meine Sporttasche auf dem Beifahrersitz, Leggings, ein T-Shirt, Turnschuhe. Alles bereit, wie es sich gehört. Ich parkte, saß im Auto und merkte plötzlich, dass ich überhaupt keine Lust hatte, auszusteigen.

Nicht, weil ich zu faul zum Trainieren war. Eher, weil die Stille im Auto plötzlich unerwartet angenehm war. Das Radio spielte leise, um mich herum gingen Leute mit Einkaufstüten, jemand schob einen Kinderwagen, jemand eilte, aber mich betraf das nicht. Niemand sprach mich an. Niemand fragte, was es zum Abendessen gibt. Niemand suchte nach Socken, einem Ladegerät oder einem Heft.

Zehn Minuten lang saß ich einfach nur da. Dann stieg ich aus, schloss das Auto ab und ging statt ins Fitnessstudio langsam in die Passage hinein. Ich ging durch zwei Geschäfte, probierte in einem einen Mantel an, den ich sowieso nicht kaufen wollte, im anderen einen Pullover, den ich zu Hause sowieso kaum tragen würde. Dann kaufte ich mir einen Kaffee und setzte mich in die Ecke des Cafés.

Und dort wurde mir klar, dass genau das das war, was ich brauchte. Keine Leistung. Keine Bewegung. Sondern eine ganz normale Stunde, in der ich nichts tun muss.

Seitdem mache ich das fast jeden Mittwoch. Manchmal gehe ich wirklich durch die Geschäfte, manchmal setze ich mich in eine Buchhandlung und blättere in Büchern, die ich letztendlich doch nicht kaufe. Manchmal kaufe ich mir nur ein Mineralwasser, um einen Grund zu haben, länger am Tisch zu sitzen und mich umzuschauen. Einmal saß ich fast vierzig Minuten im Auto und schaute einfach durch die Windschutzscheibe auf den Parkplatz. Und dabei ging es mir gut.

Vielleicht sogar besonders gut. Als ob man für einen Moment für alle anderen aufhören würde zu existieren und nur für sich selbst da wäre.

Mein Mann sagt zu Hause dann immer so etwas wie: „Man sieht, dass dir das Training gut tut.“ Und ich nicke nur. Denn eigentlich lügt er nicht. Er weiß nur nicht, dass mich kein Laufband und kein Kraftgerät beruhigt. Mich beruhigt diese Stunde unter fremden Menschen, die nichts über mich wissen und nichts von mir wollen.

Am meisten hat mich überrascht, wie schnell ich mich an diese kleine Flucht gewöhnt habe. Schon am Mittwochmorgen weiß ich unbewusst, dass am Abend meine Stunde der Stille kommt. Ich plane nichts Großes. Ich fahre einfach los. Manchmal steige ich nicht einmal sofort aus dem Auto. Ich sitze da, trinke Kaffee aus dem Becher, höre Radio und schaue zu, wie es dunkel wird.

Einmal wurde mir bewusst, dass ich in dieser ganzen Stunde kein einziges Wort gesprochen hatte. Und das störte mich überhaupt nicht. Vielleicht sogar ganz im Gegenteil. Denn zu Hause redet ständig jemand. Es läuft ständig etwas. Ständig will jemand etwas.

Und ich musste wohl erst herausfinden, dass schon eine einfache Stunde der Stille einem Menschen mehr Energie zurückgeben kann als ein ganzes Wochenende.

Manchmal frage ich mich, ob ich die Wahrheit sagen sollte. Dass es gar kein Training gibt. Dass ich nur im Auto sitze, langsam zwischen den Regalen hin und her gehe und meinen Kopf eine Weile abschalten lasse. Aber bisher sage ich es nicht. Nicht, weil ich lügen möchte. Eher, weil ich das Gefühl habe, dass es lächerlich klingen würde.

Als ob man nicht normal entspannen könnte.

Aber ich habe festgestellt, dass genau das meine Art ist. Und bisher funktioniert es für mich.

Vielleicht gehe ich eines Tages wirklich in dieses Fitnesscenter. Aber bisher reichen mir der Parkplatz, das Café und das Gefühl, dass ich eine Stunde pro Woche niemandem gehöre.