Nach historischem Nestlé-Shitstorm: Gewürz-Gigant „Ankerkraut“ zieht die Reißleine – und beweist die wahre Macht der Kunden

Es war der wohl größte Image-Gau der deutschen Start-up-Geschichte. Als die beliebte Hamburger Gewürzmanufaktur „Ankerkraut“ im Frühjahr 2022 verkündete, mehrheitlich vom Lebensmittelriesen Nestlé übernommen worden zu sein, brach im Internet die Hölle los. Hunderttausende treue Fans und bekannte Influencer kehrten der Marke über Nacht den Rücken, warfen ihre Gewürzdosen in den Müll und warfen den Gründern „Ausverkauf der eigenen Werte“ vor. Zwei Jahre lang kämpfte das Unternehmen, das durch die TV-Show „Die Höhle der Löwen“ Kultstatus erreicht hatte, gegen diesen massiven Gegenwind an. Nun folgt die absolute Sensation auf dem Lebensmittelmarkt: Die Gründer Anne und Stefan Lemcke haben sich offiziell von Nestlé freigekauft. Was wie ein normaler Wirtschaftskrimi klingt, ist in Wahrheit ein gigantisches Signal an Großkonzerne – und ein seltener Beweis dafür, dass der Boykott von einfachen Supermarktkunden tatsächlich Berge versetzen kann.

Der „Pakt mit dem Teufel“: Warum Nestlé so toxisch war

Um zu verstehen, warum die Reaktionen im Jahr 2022 so gewaltig waren, muss man den damaligen Status von Ankerkraut kennen.

Die Marke (oft in den markanten Gläsern mit Korkenzieher-Deckel bei ReweEdeka oder Kaufland zu finden) stand für handgemachte Qualität, familiäre Nähe und transparente Zutaten. Als 2016 der Investor Frank Thelen in der VOX-Show „Die Höhle der Löwen“ einstieg, wurden die Lemckes zu den Poster-Kindern der deutschen Gründerszene.

Wirtschaftspsychologen erklären den darauffolgenden Absturz mit einem extremen Werte-Clash. Nestlé (der größte Lebensmittelkonzern der Welt) steht bei vielen deutschen Verbrauchern für das exakte Gegenteil: Dem Konzern werden regelmäßig die Ausbeutung von Wasserressourcen, Regenwaldrodungen und Profitgier vorgeworfen. Als Ankerkraut 85 Prozent seiner Anteile an Nestlé verkaufte, fühlten sich die Kunden schlichtweg betrogen. Der Boykott-Hashtag #Ankerkraut trendete wochenlang auf Twitter und Instagram.

Nun, nach nur vier Jahren, der beispiellose Rückzieher.

Die Kehrtwende: „Unser Lebenswerk“

Wie die BILD-Zeitung und die Lebensmittel Zeitung berichten, haben Anne und Stefan Lemcke ihre Anteile vollständig von Nestlé Deutschland zurückgekauft (über den Kaufpreis wird eisern geschwiegen).

Offiziell gibt das Unternehmen an, man wolle als „inhabergeführtes Familienunternehmen wieder befreit, schnell und agil arbeiten“. Alexander von Maillot, Vorstandsvorsitzender von Nestlé Deutschland, betonte höflich, man unterstütze den Wunsch nach „größerer unternehmerischer Eigenständigkeit“.

Doch zwischen den Zeilen wird die bittere Wahrheit deutlich. Eine Sprecherin gab gegenüber der Presse offen zu: „Uns ist natürlich bewusst, dass Image und Außenwahrnehmung von Nestlé und Ankerkraut stark kollidiert haben. Diese Situation haben wir jetzt aufgelöst.“

Auch wenn die Firma betont, der Rückkauf habe direkt „nichts mit dem Shitstorm zu tun“, so habe die Wucht der Ablehnung durch Kunden und Werbepartner die Gründer doch „stark getroffen“. Der Umsatz (vor dem Deal noch im mittleren zweistelligen Millionenbereich) und die Mitarbeiterzahl (von 230 auf aktuell 160 gesunken) sprechen eine deutliche Sprache.

Was dieser Deal für uns Verbraucher bedeutet

Die „Rückeroberung“ von Ankerkraut ist ein seltenes Phänomen in der deutschen Wirtschaft (Buy-back). Wenn große Fische (wie Unilever oder Kraft Heinz) kleine, hippe Start-ups (wie True Fruits oder Fritz-Kola) schlucken, gibt es oft kein Zurück mehr.

Dieser Fall zeigt jedoch eindrucksvoll die sogenannte „Kundenmacht“ (Consumer Power). Wenn Verbraucher an der Supermarktkasse konsequent Produkte boykottieren, die nicht mit ihren moralischen Werten übereinstimmen, können sie selbst milliardenschwere Konzernentscheidungen rückgängig machen.

Es bleibt abzuwarten, ob die deutschen Grill-Fans und Hobbyköche den Lemckes diesen Ausflug in die Konzernwelt verzeihen werden. Das Korkenglas ist wieder unabhängig – aber das Vertrauen muss erst wieder neu aufgebaut werden.

Gehören Sie auch zu den Kunden, die nach dem Nestlé-Deal im Jahr 2022 keine Ankerkraut-Gewürze mehr gekauft haben? Werden Sie der Hamburger Manufaktur jetzt, da sie wieder ein unabhängiges Familienunternehmen ist, eine zweite Chance geben? Oder ist das Vertrauen endgültig verspielt? Teilen Sie diesen spektakulären Wirtschaftskrimi bei WhatsApp oder in Facebook-Gruppen mit Ihren Freunden und diskutieren Sie mit, ob Boykotte von uns Verbrauchern wirklich die Welt verändern können!